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Krimi
Chipsies
EXKLUSIV-GESCHICHTE - «Gedinger hat noch zwanz­⁣ich Minudn zu lebm», schniefte Bernholt, atmete tief durch den Mund und stieg dann aus seinem Wagen. Das kleine schwere Päckchen klemmte er sich unter den Arm. 🔊 12min
Chipsies
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Text
Marcus Jensen
Illustrationen
Mirjam Beyeler
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Marcus Jensen
Marcus Jensen
wurde 1967 in Hamburg geboren und hat dort Germanistik, Philosophie und Politologie studiert.
Er ist Gewinner des 4. Open-Mike-Wettbewerbs und des Würth-Preises.
1999 veröffentlichte Marcus Jensen sein Debüt "Red Rain". Marcus Jensen lebt heute in Berlin.

„Gedinger hat noch zwanz­ich Minudn zu lebm“, schniefte Bern­holt, atmete tief durch den Mund und stieg dann aus seinem Wagen. Das kleine schwere Päck­chen klemmte er sich unter den Arm. Sicher­heits­halber hatte er das Auto um zwei Ecken herum abgestellt, damit es auf keiner Über­wachungs­kamera erschien, außerdem fand man vor dem Ver­waltungs­gebäude eh keine Park­plätze, das wusste er von früher.

Bern­holt hatte Beruhigungs­pillen ein­geworfen, Tranq-i2, ein Verkaufs­schlager der Gedinger AG. Gedinger in seiner schwer bewachten Villa zu erledigen, war unmöglich, es blieb also nur die Chef­etage, er musste mitten hinein in die Höhle des Löwen, zurück an seinen alten Arbeits­platz, aber dafür kannte Bernholt Gedingers Schwach­stelle allzu gut: Geschenk­päckchen von den drei Enkeln. Oft genug hatte er mit­erlebt, wie der Alte geradezu vor Freude jaulte, wenn der Haus­service eines in die Chef­etage hoch­brachte. All diese Päck­chen waren immer so groß gewesen wie das, das Bernholt jetzt dabei­hatte. Nur nicht so schwer.

In einem spiegelnden Schau­fenster kontrollierte er ein letztes Mal seine Tarnung: perfekt. Sogar einen Schnupfen hatte er sich gezielt zugelegt, damit er anders klang. Ein Kinder­spiel, bei diesem Sau­wetter. Bernholts Nase war so verstopft, dass er sich kaum selbst verstand. In den Spezial­schuhen mit den zehn Zentimeter hohen Innen­absätzen lief er zwar wie auf Stelzen, aber auch das machte ihn uner­kennbar, ganz abgesehen von der Perücke und dem falschen Voll­bart, den dunklen Kontakt­linsen, der Bräunungs­creme, dem künstlichen Bier­bauch, den Hand­schuhen und der geklauten Uni­form des Paket-Expresses.

An der nächsten Ecke sah er das Büro­gebäude, wo ihn Gedinger höchst­persönlich vor zwei Jahren gefeuert hatte: wegen stunden­langen Surfens während der Arbeits­zeit und Belei­digung von Vor­gesetzten. Seit zwei Jahren lag Bernholts Leben in Trümmern, er bekam mit dem süffisant formulierten Entlassungs­zeugnis kein Bein mehr auf den Boden.

„Achtzn Minudn“, fluchte er leise.

Bernholt betrat die Eingangs­halle. GEDINGER CHEMIE AG stand riesig und golden auf der Wand hinter dem Pförtner­tresen. Vor zwei Jahren hatte es noch ein bescheideneres Messing­schild getan. Bernholt schnaubte. Am Empfang, der ganz in Marmor und Mahagoni gehalten war, saß dasselbe Mädchen, das Bernholt damals als Praktikantin gesehen hatte. Sie griff gerade in eine knall­bunte Tüte und holte eine Hand­voll Kartoffel­chips heraus. Mit Chips zwischen den Zähnen sah sie hoch. Etwas von dem Zeug bröselte ihr über die Lippen, sie hustete.

Bernholt präsentierte sein Päckchen und grinste.

„Gdn Dach“, näselte er,

„Päckchn für Dogder Gedinger.“

– „Oh, das geben Sie am besten mir.“ Sie wischte ihre Finger an einer Serviette ab. Bernholt schüttelte den Kopf: „Mnäh, muss persönlich abgeliefert werdn. Is von seiner Enkelin, hier stehd’s: An Opa Gedinger und kein’n andern, bei böser Strafe.“

Bernholt hatte für die krakelige Kinder­schrift lange geübt. Das Mädchen setzte die Tüte ab. Chipsies, sagte ein psyche­delischer Schrift­zug darauf, und zwei schöne Frauen­augen blickten wie saugend durch eine Wahr­sager­glas­kugel.

Das Mädchen überlegte: „Hm. Dr. Gedinger wäre ent­zückt. Okay, versuchen Sie’s bei der Vorstands­sekretärin. Siebter Stock. Möchten Sie Chips? Wir sind von Gedinger kollektiv ver­donnert worden, die neue Chips­marke zu testen, bis uns schlecht wird. Pseudo-Gewürzmischung, Geschmacks­verstärker, Konser­vierungs­stoffe und sogar der Dip - alles von Gedinger Chemie. Unsere neue Lebens­mittel-Linie, und alle im Haus futtern jetzt zwang­weise diese ekligen Fett­flocken, wir sind seine Versuchs­kaninchen. Greifen Sie zu, helfen Sie uns, das Zeug loszu­werden, ich kann’s nicht mehr sehen.“ – „Ndanke, keine Zeid“, wehrte Bernholt ab und ging auf den Lift zu, dem sie ihm per Knopf­druck öffnete.

So weit war er schon. Der Lift setzte sich in Bewegung. Zweiter Stock. Dritter. Im vierten stieg Maxe zu, Maxe, sein ehe­maliger Kumpel, mit dem er vor zwei Jahren sogar zum Kegeln war. Der Härte­test. „Gdn Dach.“ Maxe hielt eine Chipsies-Tüte in der einen Hand, seine andere griff gelang­weilt hinein und schaufelte immer neue gelbe Blättchen daraus hervor. Er kaute kaninchen­haft und nickte nur bei­läufig.

Der Lift gab ein leises Ding von sich, Bernholt stieg aus.

Die Vorstands­etage war kamera­über­wacht, außerdem konnten weitere alte Kollegen auf­tauchen. Prompt kam ihm Marianne entgegen – und nicht einmal Marianne erkannte ihn. Sie mampfte ihre Chips aus einer Serviette heraus. Bernholt stapfte an seinem eigenen alten Büro vorbei, der Forschungs­koordination. Ein neuer Name prangte neben der Tür. Bernholt knurrte und bog um die Ecke.

Damals gab es nur eine einzige Vorstands­sekretärin, die­jenige, die sie ihn bei Gedinger wegen des Surfens verpetzt hatte. Als die erste Abmahnung kam, hatte Bernholt sie mit einer tödlichen Überdosis Forsamin, einem Aufputsch­mittel der Gedinger AG, ins Jenseits befördert. Gerettet hatte ihn das auch nicht.

Jetzt saßen gleich zwei Sekretärinnen vor dem Aller­heiligsten. Auch hier im Vor­raum hörte er das kracks-kracks-kracks der dienst­eifrig knabbernden Angestellten.

„Päckchn für Dogder Gedinger“, wieder­holte er.

„Da darf niemand rein! Wer hat Sie überhaupt hoch­gelassen“, blaffte ihn die Jüngere an und schob ein Töpfchen mit Chipsies-Paprika-Dip beiseite. „Is von seiner Enklin, was Selbs­gebasdeldes.“ Die ältere Sekretärin sah den Auf­kleber. „Oh ja, er liebt die kleine Maus über alles.“ Bernholt grinste unter seinem Voll­bart.

Sie drückte einen Knopf der Sprech­anlage und kündigte das Geschenk an. „Soll sofort rein­kommen!“

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